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Therapiestunde Deutschland.

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Therapiestunde Deutschland.
Das Cover von "Depthology" von "Ramshackle.

Suchen Sie noch nach einem perfekten „Track“ für die Gluthitze des Sommers? Ich empfehle Ihnen das Album „Detpthology“ aus dem Jahr 1995, der US-amerikanischen Band „Ramshackle“. Der Sound ist so träge wie ein Tag bei 40 Grad im Schatten- und ich höre ihn gerade. Die Töne wälzen sich mit einer gewissen Monochromität durch den Tag, wie das beständige Surren des Deckenventilators, sagen wir einmal in einem eher günstigen Hotel in Mumbai vor dem Monsum. Das Klapp-Cover der CD zeigt die Kulisse einer hölzernen Westernstadt, im Hintergrund und doch dicht an die Fassaden gedrängt sind Berge, vielleicht in Arizona. Alles in drei Farben Rot gehalten. Gluthitze des Mittags, fehlt nur der streunende Hund, der an die Hausecke pinkelt. Aber genau der wäre vielleicht schon zu viel- und würde eine gewisse Unruhe und Unordnung in die Monotonie bringen. In der flimmernden Hitze eines Ortes nahe der Wüste, und Arizona hat vier davon, kommt alles zum Stillstand. Das bloße Leben ist anstrengend genug. Einatmen. Ausatmen. Selbst das Denken fällt schwer. Dabei ist Stillstand so wichtig. Er ist das Dazwischen, die Lücke. Das Nichts. Alles.

Rund 9.000 Kilometer östlich in „Good old Germany“ bringt die Eisenbahn alles zum Stillstand, weil sie still steht- und dafür braucht sie nicht einmal die Hitze. „Funkstörung“ nennt das die DB. Das sei bei einem Update passiert. Ja, das System ist einfach nicht mehr hochgefahren. Haben Sie schon einmal versucht ein knall-neues Update auf einen Windows-95 zu spielen? Still steht die Bahn. Still stehen die Pläne der Reisenden. Stillstand im Land.

Sinnbild.

Nichts fährt mehr. Brücken kaputt. Zu viele Baustellen und Tempo-30 Zonen im Land.
Nichts geht mehr. Alle Räder stehen still, nicht weil dein starker Arm, sondern die falsche Politik das will. Will sie es, oder kann sie nicht anders?

Und was machen wir? Das ist doch die interessante Frage. Stolpern wir wieder in einen Krieg weil die Trägheit uns zwingt? Ist Trägheit der Schlüssel für einen Neuanfang?

Bleiben wir einen Moment bei „Ramshackle“, der Gluthitze, und dem Deckenventilator.

Im Dazwischen ist ein Raum fern von Aktivismus, aber nicht ohne Handlung. Ein Land im Stillstand, in einer Ent-Wicklungsphase die sich in ganz verschiedene Richtungen entfalten kann- so empfinde ich Deutschland. Fernab von jeglichem Berliner-Politik-Alltag, was bewegt die Menschen? Es ist irgendwie sehr viel voller geworden im Land- überall. Nicht alle fühlen sich willkommen, und nicht mehr alle fühlen sich wohl. Aber was bleibt unterm Strich?

Was fangen wir jetzt damit an? Wir brauchen ganz gewiss eine neue Bundesbahn, die sich nicht von Peinlichkeit zu Peinlichkeit hangelt- Unzuverlässig und dabei noch rotzig frech.
Wäre das aber nicht ausgesprochen komisch wenn ausgerechnet einzig und allein die Bahn funktionierte wie ein Uhrwerk, in einem Land wo gar nicht mehr viel funktioniert? Jedenfalls nicht von dem was wir kannten. Ich könnte also sagen die Deutsche Bundesbahn funktioniert zeitgemäß genau richtig. Verstehen Sie, auf was ich hinaus will? Alles was dem Niedergang anheimfällt, was seine Zeit verwirkt hat, gewissermaßen ausgedient hat muss erstmal weg und kann danach erneuert werden.

Aber dazu braucht es zwischen dem ohrenbetäubenden Getöse eines zusammenbrechenden Systems auch einen Augenblick in der Mittagshitze. Legen Sie sich einmal wie ein matter Käfer auf´s Bett, Hund und Katz machen es vor. Dösen. Nicht erschlagen von der Hitze, sondern die Hitze selbst sein. Nichts. Nichts. Nichts. Einfach abwarten. Es wird schon wieder kühler. Auf den Tag in der Wüste folgt die Nacht in der Wüste. Und Gott-Vater hat beides erschaffen.

Der Mann. Der Käfer. Und der Ventilator. Es ist Ihnen zu heiß- und Nichtstun ist nicht Ihr Ding.
Baumarkt. Ventilator kaufen. Smart. Bloß, haben Sie einmal darüber nachgedacht, dass wenn jeder einen Ventilator über dem Bett hat es draußen trotzdem nicht kühler wird?
Dazu bräuchte es den weltgrößten Ventilator, und einen wie Elon Musk, der ihn in den Himmel hängt?

Blödsinn denken Sie. Also. Was tun? Mit diesem schönen Land in dem sich nichts mehr bewegt, und falls, dann in die falsche Richtung.

Sollten wir also alle ins gleiche Horn blasen, damit der Wind sich dreht? Ich denke nicht.
Wenn Entitäten die Herrschaft übernehmen, die niemand will- und letztlich keiner so gewählt hat, dann entsteht dennoch ein Klima das von manchen gewollt ist, und auch einigen gefällt.
Die Akzeptanz dessen was ist, ist der Schlüssel für einen Neustart. Neustart Deutschland.

Was bringt unser Land nach vorne? Oder ist das „Vorne“ doch eher wieder ein „Zurück in die Zukunft“? Wer hat die besten Ideen für das beste Konzept? Das ist gar nicht so einfach zu sagen.

Ein ganzes Land das döst und einige die schalten und walten? Warum nicht? Die jetzt walten haben den Schalthebel Richtung Abwärts schon lange umgelegt. Geben wir uns also die Zeit im Dazwischen, ohne deswegen ängstlich zu sein. Ein Sommer mit „Ramshackle“ ist nicht das Schlechteste was uns dabei passieren kann. Schauen wir den anderen einmal zu, ohne den dringenden Drang einzugreifen- und das persönliche Dilemma es doch nicht zu können.

Sehen wir unsere vermeidliche Ohnmacht als eine Art Intronisation für ein machtvolles Handeln zum richtigen Zeitpunkt. Wann der gekommen ist? Sie und ich wir werden es wissen. Nicht handeln kann nicht nur verkehrt sein, wenn man sich die derzeit handelnden Akteure betrachtet. Sinnloses Abstrampeln bei schweißtreibenden Temperaturen ist pure Energieverschwendung.

Die Menschen der Resistance haben ein feines Gespür für Wichtigkeit. Den Krieg verhindern wir jetzt nicht in dem wir auf dem heißen Asphalt herumstehen und Plakate schwenken. Deswegen ist demo-mäßig auch so wenig los. Aber Leute die wie Käfer auf dem Bett liegen und ihrem Deckenventilator zuschauen können jederzeit aufstehen.

Und das werden sie auch. Sie und ich werden dann dabei sein. Aber gönnen wir uns erstmal das durchatmen im Dazwischen. Es ist nötig zu regenerieren, und klug Energie zu schonen- um sie dann wirkungsvoll einzusetzen.

Deutschland braucht eine kollektive Therapiestunde der ganz besonderen Art. Nicht die wie man Frau Reichinnek oder den Merz therapieren müsste- bloß nützen würde es nichts.
Bleiben Sie fröhlich, Ihre Stef Manzini

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